Bescheidenheit als Führungsqualität? Seit wann das?

Mit Bescheidenheit ist das so eine Sache. Während wir alle wissen, dass Bescheidenheit eine Tugend ist, sind wir zumindest bescheiden genug, zuzugeben, dass wir gar nicht so bescheiden sind. In der Führung sieht es nicht anders aus. Im Gegenteil. Ein starkes Selbstbewusstsein, Selbstsicherheit und auch von sich selbst und seiner Meinung überzeugt zu sein, ist Teil des Charismas einer Führungskraft. Sich zu profilieren und aus einer Gruppe herauszustechen, ist Teil des Führungsprofils von heute.
Jetzt ändert die digitale Transformation mit ihrem Ruf nach agiler Führung unser Rollenbild der Führungskraft. Es zeichnet sich ein neues Kompetenzprofil in der Führung ab, wie eine neue Studie ergab. Eine von sieben Dimensionen ist „Bescheidenheit“.

Gerade machen wir die Erfahrung, dass Führungskräfte in dem Assessment agiler Führungskompetenzen, gerade auf dieser Dimension „schlecht“, das heißt niedrig, abschneiden. Überraschend? Nein. Problem? Nicht wirklich – denn sonst wären viele gar nicht erst dahin gekommen, wo sie heute sind. Denn Bescheidenheit war in der Vergangenheit unter Umständen eher ein Karrierehindernis.

Warum jetzt auf einmal der Ruf nach Bescheidenheit? Wenn wir in Kontext des digitalen Wandels von Bescheidenheit sprechen, meinen wir die Bescheidenheit in Bezug auf das eigene Wissen und die eigenen Ideen. Die Geschwindigkeit, mit der sich heute Märkte und Technologien verändern und die zunehmende Komplexität von Projekten machen es schlicht unmöglich, Führungskraft und Fachexperte gleichzeitig zu sein. Niemand kann heute alle Antworten haben.

Das ist heute aber auch gar nicht mehr nötig – hierfür stellen wir auf agiles Führen und Arbeiten um. Um die Menge der heute zur Verfügung stehenden Informationen und die unzähligen aufkommenden Trends in Entscheidungen einzubeziehen und die notwendige Kreativität aufzubringen, um im Wettbewerb bestehen zu können, braucht es viele Köpfe. Es braucht Teamarbeit und Einbezug aller im Team.

Bescheidenheit meint also, den Grenzen des eigenen Wissens und der eigenen Fähigkeit, immer selbst die kreativste neue Idee zu haben, anzuerkennen. Gleichzeitig geht es darum, andere einzubeziehen und zu ermutigen, ihren eigenen Beitrag zu leisten sowie zu experimentieren. Bescheidenheit meint aber auch, Fehler und das eigene Scheitern zu begrüßen und daraus zu lernen.

Google (ja, ausgerechnet Google) verdankt Bescheidenheit in der Führung einen Teil seines Erfolgs: „Google schaut nach der Fähigkeit, einen Schritt zurück zu gehen und die Ideen anderer Leute aufzunehmen, wenn diese besser sind. Es handelt sich um intellektuelle Bescheidenheit. Ohne Bescheidenheit ist man unfähig zu lernen.“ (Lazlo Bock, ehemaliger Senior Vice President People Operations bei Google, zitiert in der New York Times, übersetzt).

Und Sie? Gehören Sie zu den bescheidenen Typen? Nicht? Das macht nichts. Nehmen Sie die Herausforderung der digitalen Transformation an. Ändern Sie Ihr Verhalten. Dann können Sie mit Bescheidenheit agil führen. Machen Sie Ihren Bereich zukunftssicher durch eine Fehler- und Feedback-Kultur. Seien Sie bereit, auf den zahlreichen heute relevanten und zum Teil neuen Gebieten von anderen zu lernen und Potenziale ihres Teams/ Ihres Bereiches voll auszuschöpfen – durch Einbezug und Empowerment.