Burnout ist mehr als eine Modediagnose! Interview mit Burnout-Experte Christoph Brechtel

Seit 2011 – dem Jahr der Modediagnose ‚Burnout‘ ist das Thema der Digitalisierung gewichen. Bis jetzt: denn laut der Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK vom 31. März 2015 belegt deren aktuelle Studie der Fehlzeiten, dass psychische Erkrankungen wieder stark angestiegen sind und zu überdurchschnittlich langen Ausfallzeiten führen. Auch Arbeitsministerin Nahles beklagt in ihrem aktuellen Interview auf Spiegel Online, dass es immer noch zu viele Burnout-Opfer gibt. Schnell ist der Ruf nach aktivem Arbeitsschutz durch Prävention wieder omnipräsent. So widmete sich auch die Daimler und Benz Stiftung auf ihrem 19. Berliner Kolloquium am 13. Mai 2015 dem Thema „Burnout vs. Depression Volkskrankheit oder Modediagnose“.

Doch wo liegt eigentlich genau der Unterschied zwischen Burnout und Depression? Das haben wir uns gefragt und dazu Burnout-Experten Christoph Brechtel interviewt. Tanja Vornberger führte das Interview:

Business man in office with burnout syndrome at desk

„Herr Brechtel, wie definieren Sie Burnout genau?“

Dipl.-Psych. Christoph Brechtel: „Eine weit verbreitete Definition ist folgende: Burnout ist eine Befindensstörung, die aus einem emotionalen, geistigen und körperlichen Erschöpfungszustand besteht, der durch Antriebs- und Leistungsschwäche gekennzeichnet ist. Burnout stellt das Ergebnis einer langfristigen multiplen Überforderung durch Stress dar. Als Auslöser wurden identifiziert:

  • andauernde Arbeitsüberlastung,
  • hoher Leistungs- und Zeitdruck,
  • hohe Erwartungshaltung von außen und
  • hohes eigenes Anspruchsniveau.

Burnout Betroffene kämpfen gegen sich selbst. Im weiteren Verlauf der Krankheit greifen die beruflichen Überforderungen auch auf das private Leben über, so dass nicht nur Kollegen, sondern auch Partner und Freunde darunter leiden.“

„Oft wird beklagt, dass Ärzte „Burnout“ immer noch mit Depression verwechseln. Woran liegt das?“

Dipl.-Psych. Christoph Brechtel: „Im fortgeschrittenen Stadium ist es tatsächlich kaum möglich, eine Differenzialdiagnose zu erstellen, was in einem Frühstadium des Burnouts durchaus möglich wäre.

Burnout ist die sechste Phase der Stress-Reaktionen (Orientierungsreaktion, Aktivierungsreaktion, Anpassungsreaktion, Überforderungsreaktion, Erschöpfungsreaktion und Burnout – Anm. der Redaktion) und wird im Gegensatz zur Depression ursächlich durch berufliche Belastungen verursacht. Am Ende will man diese gesamte Verantwortung nur noch in einem Schlag loswerden, sodass sich Suizidgedanken häufen und manchmal auch durchgeführt werden, was bei Depressiven erst dann geschieht, wenn sie – durch die ersten Erfolge einer Depressionstherapie – dazu die Kraft finden. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist, dass Burnout Betroffene zwar überfordert wirken, aber gleichzeitig auch angespannt, gereizt und aggressiv sein können. Und damit sehr aktiv sind, während eines der Hauptkennzeichen der Depression die Inaktivität ist.“

„Sie sagten im fortgeschrittenen Stadium. Gibt es eine Möglichkeit Burnout rechtzeitig zu erkennen, um derart drastischen Entwicklungen vorzubeugen?“

Dipl.-Psych. Christoph Brechtel: „Ja, die gibt es. Und zwar sowohl auf der medizinischen als auch auf der psychologischen Ebene. So kommt es auf der Ebene der Stresshormone, Neurotransmitter und der Mitochondrien zu Störungen, die in einem Bluttest zu ermitteln sind. Das sind die sogenannten „biologischen Burnout-Marker“. In Persönlichkeitstests können dagegen die „psychologischen Burnout-Marker“ gefunden werden. Ich habe in den Skalen des HPI (Hogan Potentiale), HDS (Hogan Risiken) und MVPI (Hogan Werte) die Burnout-Marker identifiziert, so dass potentielle Burnout-Risiken und eine Einschätzung der Resilienz auf Basis der Ergebnisse von Hogan Assessment Berichten identifiziert werden können. Dazu werden die Burnout-Marker anhand einzelner Persönlichkeitsdimensionen beschrieben und Persönlichkeitsprofile dargestellt, die auf Burnout und Resilienz hinweisen.“

„Und welche psychologischen Burnout-Marker gibt es?“

Dipl.-Psych. Christoph Brechtel: „Besonders anfällig für Burnout sind Personen, die emotional wenig stabil sind, Kritik oft persönlich nehmen oder zu extremen emotionalen Reaktionen neigen. Auch Personen, deren Werteraster und Motivationsgrundlage sich drastisch von dem der unmittelbaren Arbeitsumgebung unterscheiden, haben ein erhöhtes Risiko, da sie diese Diskrepanz als demotivierend erleben und ihre Potentiale selten umsetzen können. Perfektionismus und ein hohes Anspruchsniveau, nämlich den hohen Anforderungen genügen zu wollen obwohl sie sich überfordert fühlen, sind weitere Merkmale. Personen, die sich beruflichen Anforderungen ausgesetzt sehen, die ihrem Autopiloten – also Verhaltensweisen, die ihnen leicht fallen – nicht entsprechen und Personen, deren unmittelbare Vorgesetzte über wenig Führungseignung verfügen sind ebenfalls gefährdet. Außerdem spielen natürlich zusätzliche Belastungen aus einem weiteren Umfeld, die nicht durch persönliche Coping-Strategien abgedeckt werden, eine Rolle.“

„Geht es darum auch in Ihrem aktuellen Buch?“

Dipl.-Psych. Christoph Brechtel: „Ja, in meinem Buch gebe ich einen umfassenden Überblick darüber, was bei Burnout eigentlich mit uns passiert, wie wir dem vorbeugen und wie wir Stress bewältigen können.“

 

Burnout Buch (2)

 

 

Was Stress und Burnout mit uns machen
und was wird dagegen tun können
Übersichten und Strategien zur psycho-physischen Gesundheit
Verlag tredition, 2014
Hardcover, Paperback, eBook
 

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